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Kerstin Müller, 43, ist vor 15 Monaten zum ersten Mal Mutter geworden. Tochter Franka Marie bezeichnet sie als ihr größtes Glück. "Sie ist ein spätes Geschenk, das mein Leben fundamental verändert hat." 20 Jahre Fulltime-Politik, die meiste Zeit davon ganz vorn im Rampenlicht als Grünen-Fraktionschefin und als Vizeaußenministerin. Arbeit rund um die Uhr, aber stets mit vollem Engagement und viel Leidenschaft.
Ob sie unbedingt ein Kind wollte, weil die biologische Uhr tickte? Als sie schwanger wurde, hat sie sich jedenfalls ganz bewusst für ihr Kind entschieden, obwohl die gesamte Verantwortung allein auf ihren Schultern lasten und sich ihr Berufsalltag dadurch verändern würde. "Franka und ich frühstücken früh, dann geht sie bis 12 Uhr in die Bundestagskita. Danach nehme ich sie entweder mit ins Büro, wo mir die Fraktion einen Raum als Rückzugsinsel zur Verfügung gestellt hat. Oder ich übergebe sie der Kinderfrau. Auch Frankas Oma unterstützt mich sehr. Das hängt vom Arbeitsanfall und der Terminlage ab."Dass der Politikalltag nicht auf Kinder eingestellt ist, merkt Kerstin Müller immer wieder. Frankas Wohl steht zwar stets an erster Stelle, aber das muss gut organisiert sein. "Es ist ein täglicher Kampf. In Sitzungswochen sind wir an manchen Tagen bis zu 12 Stunden getrennt. Das ist schon hart."Damit sie genügend Zeit für ihre Tochter findet, hat Müller ihren Berufsalltag neu strukturiert und andere Prioritäten gesetzt. "Abendtermine wie Partys, Stehempfänge und dergleichen habe ich Franka zuliebe zurzeit ganz gestrichen. Diese Zeit mit ihr zu verbringen ist mir wichtiger."Wann immer möglich, nimmt Kerstin Müller ihre Tochter mit, auch wenn sie in ihren Kölner Wahlkreis fliegt. Auf neue Auslandsreisen hat die außenpolitische Sprecherin der Grünen bislang verzichtet, doch sie weiß, dass dies dauerhaft nicht geht. "Wie ich das künftig regele, wird sich zeigen. Vielleicht nehme ich sie mit, oder sie bleibt bei den Großeltern – das ist Learning by Doing!"
Die Grünen-Politikerin wirkt zufrieden und ausgeglichen. Da sie schon sehr viel erreicht hat, strebt sie derzeit nicht nach höheren Posten. "Mein Ehrgeiz ist völlig befriedigt, und ich kann entspannt mein Kind genießen. Ein Vorteil, wenn man sich spät für Kinder entscheidet. Natürlich mache ich Politik noch immer leidenschaftlich und nicht als reinen Broterwerb. Ich bin aber nicht dafür geschaffen, jahrelang nur zu Hause zu sein."
Die Vereinbarkeit von Job und Kind hält sie für machbar. Aber Kerstin Müller weiß auch, dass sie in einer privilegierten Situation ist. "Finanziell kann ich mir eine Kinderfrau leisten, und zudem hat Berlin ein gutes Angebot an Betreuungsplätzen. In meinem Kölner Wahlkreis bin ich zusätzlich auf die Unterstützung meiner Eltern angewiesen, denn in Nordrhein-Westfalen ist das Angebot für die unter Dreijährigen katastrophal. Schade, denn ich glaube, dass das Aufwachsen mit anderen Kindern in einer Kita auch für die ganz Kleinen sehr gut ist. Wenn die Qualität der Kita stimmt." Damit auch andere Frauen die Wahl haben, ob sie Kind und Job vereinbaren oder lieber zu Hause bleiben, dafür will sie kämpfen. "Es fehlen bei uns mindestens 500.000 Krippenplätze, und es ist vorrangig die Aufgabe der Politik, diese Lücke zu schließen und einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem 1. Lebensjahr zu schaffen. Es ist gut, dass die Bundesfamilienministerin so zäh und hartnäckig ist und endlich das konservative Familienbild ihrer Partei modernisiert. Hoffentlich setzt sie sich auch durch. Die Erwartung der Öffentlichkeit jedenfalls ist sehr groß".